Nächtigen mit dem Kinde (II)

Nächtigen mit dem Kinde (II)

Nächtigen mit dem Kinde (II)

Ein Stück zwischen Drama und Komödie, all-abendlich (mit leichten Variationen) aufgeführt. 2. Teil
(hier gehts zum 1. Teil)

Zweiter Akt: Nächtliches Intermezzo

Ich unterscheide bei meiner Tochter zwei Arten von nächtlichem Erwachen. Die eine kündigt sich abends beim Einschlafen schon an … Die kleine Maus ist unruhig, will nicht richtig trinken und dämmert dann langsam weg, bleibt dabei aber körperlich unruhig. Da weiß man schon: In 1-2 Stunden ist die Maus spätestens wieder wach. Ich bereite in diesem Fall einfach schon abends ein neues Fläschchen vor und bleibe meistens so lange wach, bis die kleine Maus auch wieder wach wird.  Dieser Fall ist vollkommen harmlos und mit wenig Stress verbunden, wenn man nicht gerade totmüde auf die Schlafstatt gesunken ist, und einfach nur noch schlafen will. Ganz anders verhält es sich da in jenen Nächten, in denen die Frucht der Lenden ganz schnell und tief einschläft und man sich selbst, einer erholsamen Nacht entgegen fiebernd, zügig zur Ruhe begibt. Mit grade zu mephistophischer Genauigkeit wartet das Kind die zweite Tiefschlafphase ihres Vaters ab und sieht sich dann, selbst ob der Heftigkeit des Gefühls überrascht, der einsetzenden Selbstverdauung des eigenen Magens ausgesetzt (zumindest klingt es so) und beginnt unvermittelt und ohne Vorwarnung schon im Halbschlaf mit einem nahezu panischen Geschrei. Dieses Geräusch wird von den schlaftrunkenen Nerven des Innenohres des Vaters in dessen schlummerndes Bewusstsein und gleichzeitig in das Kleinhirn, das die Motorik und Reflexe steuert, gepresst. Resultat: Man(n) springt auf und greift nach der leeren Flasche noch bevor man wirklich wach ist. Ich werde meist in dem Moment richtig wach, in dem meine Füße den schlafenden Hund berühren, der ja immer noch vor meinem Bett liegt. Es ist wirklich kein erhabener Moment, wenn man, auf dem Allerwertesten sitzend, die Füße noch schnell hochreißt um den Hund nicht zu verletzen, mit einer Hand nach der leeren Futter-Hülle des Kindes suchend, erwacht. Man ist komplett verwirrt und hat weder eine Ahnung wer man ist, noch warum man so doof da sitzt, noch wie man aus dieser Position aufstehen soll. Der dazu vom Kinde mit ungehemmter Vehemenz vorgetragene Lärm trägt nicht zur Entspannung der Situation bei, sondern heizt im Kleinhirn weiter den Reiz an, irgendetwas zu machen … man hat nur nicht die leiseste Idee, was man machen soll … da steht einem das müde, wegen der Masseträgheit noch am Kopfkissen verweilende, Bewusstsein im Weg.
Eine Schrecksekunde später befinde ich mich auf dem Weg in die Küche, um der Kleinen einen Mitternacht-ist-zwar-schon-vorbei-aber-ich-hab-trotzdem-voll-den-Hunger Snack zu machen.
An dieser Stelle möchte ich einen, wie ich finde, wirklich guten Tipp an die werdenden Eltern da draußen los werden, der bei uns für eine gaaaaanz massive Erleichterung des Alltags gesorgt hat: Besorgt euch einen Durchlauferhitzer, den man auf das Grad genau einstellen kann. Denn mit so einem Teil geht die Geschichte nicht damit weiter, wie ich Wasser koche, auf das Abkühlen warte, das Kind derweil die ganze Nachbarschaft zusammen schreit, oder wie ich mit Thermoskannen hantiere, die aber auch gerade entweder noch zu warmes oder schon zu kaltes Wasser enthalten, sondern wie folgt:
In der Küche angekommen drehe ich den Wasserhahn auf „ganz heiß“, und bekomme nach ein paar Sekunden frisches, 39 Grad heißes Wasser geliefert. Ich konzentriere mich, um die benötigte Menge Wasser in ein Fläschchen zu bugsieren, und gebe dann die nötige Menge Milchpulver dazu. Sauger drauf, fertig. Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer halte ich mit Daumen und Zeigefinger den Sauger zu und vermische durch Schütteln der Hand Wasser und Pulver zu fertiger Baby-Nahrung. Bei diesem Vorgang verliert das Ganze auch die noch überschüssigen ein bis zwei Grad und kommt somit mit mir zusammen trinkfertig im Schlafzimmer an. Ich lege mich wieder hin, mache kurz das Licht an, um den Mund meiner Tochter zu finden, der ja ob des anhaltenden Geschreis geöffnet ist, und erfreue mich kurz an eben dem Geräusch, mit dem das Schreien erstirbt, und in glucksendes, trinkendes Schmatzen übergeht. Es ist genau dieses Geräusch, das dem Hund, der aus Selbstschutz vor schlaftrunkenen Vätern im Wohnzimmer sein Heil gesucht hat, signalisiert, dass alles wieder dem gewohnten Gang der Nacht zugeht, und er kehrt, mit den Krallen auf dem Laminat tapsend, neben mein Bett zurück, grunzt noch einmal, rollt sich ein und schläft weiter. Die Tochter zieht (überraschend oft sehr zügig) die dargebotene Mahlzeit in sich, stillt damit ihren Hunger und es kehrt wieder nächtliche Ruhe ein.

Anweisung an die Regie: Dieser Akt kann je nach Laune auch ein- bis dreimal wiederholt werden. Gerne mit nur 2 Stunden Abstand, damit es dem Publikum nicht zu langweilig wird.

Dritter Akt: Der Morgen danach

Kleine Einlassung: Vor der ersten Impfung war eigentlich alles ganz einfach: Die Kleine ist zwischen 23 und 0 Uhr eingeschlafen und hat dann (unter Auslassung von Akt II) bis morgens 6:30 Uhr durchgeschlafen. Wir wähnten uns schon im Durchschlaf-Himmel, denn einen Tag um 6:30 zu beginnen, ist machbar und mit meinen Job überraschend gut vereinbar. Dann kam die Impfung, und damit Akt II ins Spiel (wer quasi 3 Tage mit leichtem Fieber durchschläft, der verliert jedes Gefühl für Rhythmus und Tag/Nacht-Unterscheidung. Zumindest mit knapp vier Monaten. Zumindest unser Töchterchen). Damit gewinnt auch Akt III durchaus an Spannung und Herausforderungen!

Nach einer unterbrechungsreichen Nacht, die Geschehnisse des zweiten Aktes haben sich zwei- bis dreimal ereignet, macht mich der Wecker sanft auf den nahenden Tag aufmerksam – ich könnte das laut piepende Teil mit Gewalt an die Wand werfen – und ich sollte aufstehen, um die Familie zu versorgen, ehe es auf zur Arbeit geht. Ich „sollte“, aber ich kann nicht. Mein Körper verweigert mir (wohl ob des Mangels an Erholungsmöglichkeiten in der Nacht) einfach die Zusammenarbeit und ich bleibe liegen. Quasi gegen meinen Willen. Vom eigenen Körper genötigt. Mein Geist analysiert die Lage und gibt dem Körper unmittelbar recht. Mein Töchterchen aber hört den Wecker auch … und sie reagiert … erst mit leisem Gebrabbel und sehr sehr niedlichen, von gelegentlichem Gähnen unterbrochenen, Geräuschen. Aber gerade wenn mein Geist sich der Blockadehaltung meines Körpers angeschlossen hat, dann wird ihr schlagartig langweilig und der Hunger bricht kurz darauf wieder mit unvorhersehbarer Vehemenz über sie hinein. Also springe ich (wieder einmal) auf und lande mit meinen Füßen … auf dem Laminat. Der Hund ist weg. Ein sicheres Zeichen für den nahenden Morgen. Auf dem Weg in den Flur finde ich den Hund. Er steht schon an der Tür und will seine Chance auf morgendliche Verklappung. „Noch nicht, haariger Kumpel“ denke ich … erst das Kind füttern, ehe die versammelte Nachbarschaft ob des Geschreis die Nachtruhe zu unterbrechen sich genötigt sieht … man hört und liest ja soviel von Mob-Bildung und Lynch-Justiz in letzter Zeit. Ich hechte in die Küche, um der Kleinen ihr Frühstück zuzubereiten. Während ich an der edelstählernen Wasserstelle stehe, schaue ich aus dem Fenster … Es ist schon hell draussen, ein Nachbar geht vorbei und grüßt, ich grüße zurück, und merke dann erst, dass ich mal wieder ohne Shirt geschlafen habe. In diesen Momenten verfluche ich unsere Erdgeschoss-Wohnung. Aber dem Nachbarn wars wohl egal, also mir auch. Schnell zurück ins Schlafzimmer, der Kleinen das Fläschchen geben. Zuckelnde Ruhe kehrt ein. Kaum ist die Kurze fertig, jankt der Hund an der Tür. Ich springe wieder auf, ziehe mir schnell etwas über Ober- und Unterkörper und Füße. Dann auf zur Tür, Hund anleinen, die Tasche mit Leckerchen und Kotbeuteln umgeschnallt, Tür auf und raus. Durch’s Treppenhaus, Haustür auf und ran an den ersten Baum. Langsam zeichnet sich auf Lokis Gesicht Entspannung ab. Wir beide drehen nun die morgendliche Runde, die ich benutze, um richtig wach zu werden, denn eigentlich wird hier nur mein Körper benötigt, der Hund kennt den Weg. Wieder an der heimischen Haustür angelangt, lausche ich vorsichtig, ob man die geliebte Frucht der Lenden schon bis auf die Straße hören kann. In aller Regel kann man nicht (Altbau – dicke Wände).
Der Hund und ich betreten die Wohnung und ich kurz darauf auch das Schlafzimmer. Sollte meine Tochter wieder eingeschlafen sein, wecke ich kurz meine Frau und mache uns dann erstmal einen Kaffee. Oft gesellt sich meine Angetraute in der Küche zu mir, weil sie es ob der sich gerade füllenden Windel unserer Tochter in dem nun kontaminierten Schlafzimmer nicht länger ausgehalten hat. Es ist ja nicht nur der Geruch – es ist vor allem das Brennen in den Augen. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt bereits über genug Selbstbeherrschung verfüge (und das tue ich nicht immer), dann marschiere ich mit angehaltenem Atem zum Stubenwagen, hebe die Kurze mitsamt der in der Windel aufgefangenen Kotpaste hinaus und bringe beide ins Kinderzimmer, um dort die eine neu zu wickeln, die andere fachgerecht zu entsorgen. Eines kann man wohl festhalten: Danach ist man wach. Nicht fit, aber wach … die olfaktorische Gesamtsituation lässt im Körper-Inneren alle Vorsichtsmaßnahmen für den biologischen SuperGAU anlaufen, wozu sich auch die heftigste Freisetzung von Adrenalin aus den Nebennieren zählen darf. Das macht den Körper richtig wach, lässt aber den Geist richtig kalt. Der Geist wird erst wach, wenn man versucht, die Leibesfrucht auf der Wickelkommode zu halten, ohne sich selbst, das Kind, das Möbel oder den Fußboden mit Spuren der Verdauungsreste zu verunzieren.
Nach getaner Wickelarbeit verlassen also Vater und Kind das Kinderzimmer, ich überreiche die Kleine stolz (mich bis hierhin gehalten zu haben) meiner Frau, trinke flux den Kaffee aus und mache mich dann durch Bad (zwecks Waschung), Schlafzimmer (zwecks endgültiger Ankleidung) und Küche (zwecks nochmaliger Koffeeinzufuhr) auf den Weg zur Arbeit. Kaum im Büro angekommen, ergreifen Körper und Geist ihre Chance und wollen sich erholen. Der sich hieraus entspinnende Kampf zwischen Pflichtbewusstsein und Müdigkeit ist aber jedem Arbeitnehmer bekannt und steht in keinem direkten Zusammenhang mit dem Nachwuchs mehr. Er ist daher auch nicht Teil dieser Geschichte.

~ fin ~

Liebe Grüße, der Mattes

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