Nächtigen mit dem Kinde(I)

Nächtigen mit dem Kinde(I)

Nächtigen mit dem Kinde (I)

Ein Stück zwischen Drama und Komödie,
all-abendlich (mit leichten Variationen) aufgeführt.

Dramatis Personae:

  • „Die Mutter“ alias „Sie“ oder auch „meine Frau“
  • „Das Kind“ (4 Monate) alias „die Tochter“, „dat Blaach“, „Nachwuchs“ oder „Lea“
  • „Der Hund“ alias „Loki“, „das Vieh“ oder „Zunge aus dem Dunkeln“
  • „Der Vater“ alias „Ich“, „der Dicke“ oder schlicht „Er“

Prolog:
Die Schlafenszeit

Selten leitet sich eine Situation totalen beiderseitigen Unverständnisses zwischen mir und meinem Gegenüber so harmlos ein, wie mit dem mir zu Ohren gebrachten Satz:
„Es ist schon 20 Uhr 30, muss Lea nicht ins Bett?“
Meine Antwort darauf lautet immer „Nein … Warum?“
Und schon ist die Situation da … Meist hat der oder die Fragende offenbar fest damit gerechnet, dass man hektisch auf die Uhr schaut, seine sieben Sachen zusammenrafft und sich aufmacht, die Tochter ins heimische Bett zu bringen.
Aber mal unter uns: Lea ist 4 Monate alt. Sie liegt eigentlich so 85% des Tages oder mehr rum. Und im Moment schläft sie auch noch überall .. also im Kinderwagen, in ihrem Bettchen, im Stubenwagen, in meinem Bett .. überall. Und auch zu jeder Zeit. Meiner Erfahrung nach schlafen so junge Kinder eh dann ein, wenn sie müde sind. OK .. es sollte nicht zu laut sein und angenehm temperiert, oder sonst … Warum sollte mein Töchterchen nicht im Kinderwagen im Cafe schlafen, wenn sie es dort doch eigentlich gut könnte?
Meine Frau und ich haben vor der Geburt gerne mal Zeit nach 20 Uhr draußen verbracht. Gerne auch mit Freunden, unter Menschen, ab und zu gar mit einem leckeren Getränk und etwas zu Essen. Warum sollte man das alles aufgeben, nur weil manche Leute meinen, Kinder müssten um 20 Uhr zuhause sein und in ihrem Bett liegen?
Wir halten es da so: Wenn die Kleine müde ist, soll sie schlafen. Kann sie es dort, wo wir sind, nicht, dann (und erst dann … also nachdem das Töchterchen eine Chance hatte zu testen, ob sie denn schlafen kann … und ob es nicht nur ein quer liegendes Bäuerchen oder eine volle Windel ist, die sie wach hält, oder ob man einfach den Kinderwagen ein wenig schockeln muss), dann geht’s auf nach Hause. Diese Taktik birgt natürlich ein gewisses Risiko: Man freut sich auf einen Abend mit Freunden, trifft sich gegen 19:45 Uhr im Biergarten, und schon gegen 20:13 leitet die Frucht der Lenden den viel zu frühen Nachhause-Weg ein. Manchmal .. im Moment eher selten. Aber es kann so kommen!
Aber was wäre die Alternative? Man geht gar nicht erst los, versucht es nicht einmal, und kegelt sich damit selbst aus dem Reigen des abendlichen Treffens und getroffen Werdens, das man gemeinhin auch mit „Leben“ bezeichnet. Denn wenn das Kind die „Nacht“ruhe ab 20 Uhr braucht, dann kann man natürlich auch nicht einfach Leute zu sich nach Hause einladen, um dort bei Met, Bier, Wein, Chips, einem Rinderbraten oder einer gebrachten Pizza, einer oder zwei DVD’s und in gemütlicher Runde einen schönen Abend zu verbringen.
Denn Freunde (gerade wenn es gute sind) zeichnen sich zumindest in unserem Bekanntenkreis nicht dadurch aus, in heimeliger, fast schon devoter, Stille in der guten Stube zu sitzen, um ehrfürchtig den Klängen einer CD zu lauschen, die vorsichtig und nahezu zerbrechlich leise aus der heimischen Musikanlage strömen, und sich dabei nur durch den Austausch intensivster Blicke zu verständigen. Und nur in dieser Form wäre ein Besuch von Freunden nach der ach so heiligen Schlafenszeit ja denkbar.
Ich hatte (Gott – oder wem auch immer – sei Dank) noch keinen direkten Kontakt mit der Spezies Eltern, die das alles genau so sehen … aber ich kenne Leute, die auf genau diese Art gute Freunde verloren haben. Weil man sich eben nicht mehr treffen kann, ohne dass die Nicht-Eltern-Seienden entweder keinerlei Beachtung bekommen, oder aber mit Gesprächen und Themen vollgemüllt werden, die nun wirklich einzig und alleine junge Eltern interessieren. Und die auch nur, wenn sie sich noch im Kernschatten der durch Geburt und Kinderratgeber oder -Foren hervorgerufenen mentalen Zentralbeschattung befinden.

Ich glaube (schlicht in eigener, gemachter Erfahrung begründet), dass grade (werdende) Väter eine gewisse Angst davor haben, wie es mit dem Nachwuchs denn so weitergehen wird in Sachen feiern und nicht sexuell motivierten Frohsinns. Ich denke es geht weiter. Nicht „trotz Kind“ und nicht „ohne Kind“, sondern „mit Kind“. Darum geht nicht mehr alles, aber vieles … und wenn man es versucht und vorbereitet ist, dann geht vieles auch genau so gut wie vorher.
Wie es läuft, wenn der Nachwuchs dann älter ist, und nicht mehr immer und überall schlafen kann, das berichte ich dann, wenn Lea diese Phase erreicht hat.

Erster Akt:
Das Hinlegen

Um die folgende Beschreibung zur Gänze verstehen zu können, lasse ich hier nun kurz den Grundriss unseres Schlafzimmers vor dem geistigen Auge der werten Leserschaft entstehen: Tritt der Besucher durch die Tür ein und macht dann noch einen Schritt nach vorn, so steht er auf dem Bettvorleger meiner Frau. Hoffentlich ohne Straßenschuhe! Zu seiner rechten dann die erste Matratze, die nächtens von meiner Frau bevölkert wird, daneben dann meine bescheidene Schlafstätte, und dann, kurz vor dem Fenster der Stubenwagen, der, dank einer seitlichen Öffnung, eben-matratzig (denn wir schlafen nicht auf der Erde) mit unseren Betten zu stehen kommt.
Ja, richtig gelesen! Der Stubenwagen steht neben meinem Bett. Auch nachts. Auch mit Kind drin. Auch wenn ich da bin. Quasi immer. Und das ist nicht dem Grundriss des Zimmers geschuldet, oder dem Umstand, dass wir die Zimmereinrichtung mitsamt Stubenwagen fest am Boden verspaxt von den Vormietern übernommen haben (was wir nicht haben), sondern ist schlicht folgenden zwei Überlegungen geschuldet:

Erstens: Das Kind sollte an einer Stelle schlafen, wo es sich nicht jede Nacht den polternden Angriffen schlaftrunkener Eltern ausgesetzt sieht, die versuchen die dringliche Verklappung der sich, immer zu so unpassender Zeit, bemerkbar machenden Harnstoff-Suspension ordnungsgemäß hinter (oder besser unter) sich zu lassen, ohne dabei die zärtliche Umklammerung von Morpheus Armen zur Gänze zu verlassen.

Zweitens: Da unsere Tochter sich noch im Mutterleib dazu entschlossen hatte, den selben nicht durch die von Mutter Natur dafür vorgesehene und vorsorglich zu diesem Zwecke in jeder Frau praktischer Weise bereits integrierte Pforte zu verlassen, sondern sich von kundiger Hand einen separaten, zweiten Ausgang schnitzen zu lassen, war meine Frau in den ersten Tagen nach dem Verlassen des Krankenhauses schlicht und einfach den sich ergebenden Aufgaben der nächtlichen Kindesbetreuung alleine nicht gewachsen. Damit fiel diese ehrenvolle Aufgabe quasi in Gänze mir zu, denn man will der Angetrauten ja auch etwas nächtliche Entspannung gönnen. Denn mal so ganz unter uns: Die Mütter haben bei der Geburt doch im Gegensatz zu uns Vätern den deutlich härteren Job.

In der Theorie ist die nun folgende Prozedur ganz einfach:

  1. Dem Nachwuchs eine frische Windel verpassen
  2. Den Nachwuchs in den Stubenwagen legen
  3. Zudecken, Gute-Nacht-Fläschchen geben
  4. Einschlafen und zu guter Letzt
  5. Morgens erfrischt aufwachen

Soweit die liebe Theorie. Aber man(n) ahnt es bereits: So einfach ist das alles nicht. Die Realität gestaltet sich (wie ich vermute nicht nur bei uns) gänzlich anders:

Es ist in der Regel zwischen 22 und 23 Uhr so, dass wir beschließen, es sei nun an der Zeit, sich zur Nachtruhe zu begeben. Also bekommt Lea eine frische Windel, und man bereitet ein letztes Fläschchen vor. Nun wird alles Nötige ins Schlafzimmer gebracht. Also Milch, Tee, Spucktuch, Schnuller, Frau und Kind. Lea ahnt schon, dass die „Oh wie schön, die Beiden machen sich zum Vollhorst“ Zeit für heute zu Ende geht, und protestiert sofort. In der Regel lässt sich dieser Krawall aber mit dem Milch-Fläschchen schnell unterbinden. Ich liege also, auf die Seite gedreht neben dem Stubenwagen und halte das Fläschchen. Grade wenn der Nachwuchs durch das (unter uns: oft sehr Zombie-eske) Wegdrehen der Pupillen eine gewisse Müdigkeit preisgibt, fällt dem Familienhund ein: „Moment mal … ich will ja auch noch geknuddelt werden!“ Er betritt das Schlafzimmer, sieht die Situation und schafft es mit den -bei hundeartigen ja nicht einziehbaren- Krallen auf dem Laminat mit jedem Schritt das vorwurfsvolle „mich gibt es auch noch“ Geräusch zum besten zu geben. Ich denke mir dann „Ja Loki, wenn Lea erst einmal schläft, dann knuddel ich dich noch“. Aber das ist dem vierbeinigen Familienbegleiter natürlich egal. Er macht mit seiner Zunge an meinen Füßen deutlich auf sich aufmerksam und ich versuche durch Schütteln des Fußes, den Hund davon abzuhalten mich zu kitzeln, ohne dabei mit dem Körper so viel zu ruckeln, dass Lea wieder aufwacht. Daher verbieten sich in diesem Moment auch scharfe Kommandos. Das weiß ich … und der Hund auch. Letzten Endes rollt sich Loki neben meinem Bett, am Fußende des Stubenwagens zusammen, seufzt noch einmal völlig enttäuscht ob der ihm vorenthaltenen Bespaßung, und schläft dann fast zeitgleich mit Lea ein. Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass ich in dieser Konstellation aus Kindes- und Hunde-Schlafstätte mein Bett nur noch über das Fußende verlassen kann, was mir selbst in diesem (weil wachen) Moment auch noch klar ist.

Es hat sich nun bei uns so eingebürgert, dass die Mutter dem Töchterchen etwas vorliest, während ich Leas Hunger stille. Oftmals kommt es dann so, dass die Tochter sanft entschlummert, der Hund zur Ruhe gekommen ist, und meine Frau, sich auf wohligen Schlummer freuend, sich auch auf den Weg in Morpheus Arme macht.
Ich liege also noch wach, und erfreue mich kurz an der eingekehrten Ruhe im Kreise der Familie. Ich könnte selbst auch einschlafen, aber natürlich bleibe ich noch wach, denn mein -komplett entspanntes- Rachensegel würde dem noch so jungen Frieden einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Ich schnarche (nach Aussage meiner Frau) wie ein kasachischer Tagelöhner, der gut 12000 Quadratfuß Taiga abholzt und intoniere zusätzlich und zeitgleich noch den Hubschrauber, der über eben jenem Stück Taiga kreist um das Spektakel aus der Luft zu beobachten. Darum werde ich quasi dienst-verpflichtet als letzter der Familie und mit gehörigem Vorsprung für alle anderen Familienmitgliedern einzuschlafen.

Als kleine Belohnung für meine so ehrenvolle Nachtwache gönne ich es mir, jeden Abend ein kleines Bisschen an jener großflächig angelegten Volksverdummung durch private wie öffentlich-rechtliche Sender teizuhaben, die sich um diese Uhrzeit darin äußert, dass ich die Wahl habe, ob ich mich über Hitlers geheimen U-Boot Krieg in der Schweiz, den Bau des Riesentankers „MS Schlagmichtot“ oder das umgestalten von alten Rostkarren zu schreiend bunten, aber immer noch alten, Rostkarren zu … sagen wir mal … „informieren“ (kleine Anmerkung: Seit dem wir am TV in unserem Schlafzimmer nun auch Kabel liegen haben, und nicht mehr nur DVBT, bietet sich natürlich eine noch viel größere Auswahl an -auf lange Sicht Hirn erweichenden aber doch immer wieder herrlich ablenkenden- „Dokumentationen“. Alleine DMAX birgt hier endlose Möglichkeiten).
„Warum guckst du denn keine DVD?“ werden sich einige nun fragen. Die Antwort ist ebenso einfach, wie deren Grund technisch ist. Zwar heben wir auch einen DVD-Player im Schlafzimmer, aber eben keine Dolby-Souround-Sound-Anlage. Damit hat man bei DVDs aber oft nur noch die Wahl, ob man die Dialoge verstehen will, dann aber bei jeder Action-Scene riskiert, das Teile der Familie ob der maximal voluminösen Klangkulisse wach werden, und damit das eigene Entschlummern weiter nach hinten rutscht, oder ob man sich bei der Wahl des maximalen Dezibelspiegels eben an diesen Action-Scenen orientiert, was es zumindest für meine Ohren unmöglich macht, dem normal gesprochen Wort auf der DVD zu folgen. Ich sehe sofort ein, dass es bei vielen aktuellen DVDs nicht nötig ist dem Text zu folgen (Nein! Nicht die über promiskuitive Vermehrungstaktiken), aber grade zum „nicht-wieder-richtig-wach-werden-aber-auch-noch-nicht-schnarchen“ ist es oft sehr hilfreich, wenn man das gesprochene Wort versteht … grade weil mir auch öfter schon die Augen zufallen, und ich dann selbst ob des akustisch plötzlich und unvorbereitete durch das Schlafzimmer polternden X’ten Weltkrieges hochschrecke, nach der Fernbedienung suche und dabei in die schreckhaft aufgerissen Augen meiner Tochter blicke, die zwar vom Kriege nichts weiss, aber die sich vor den Geräuschen schon ganz formidabel erschrecken kann.

Nein! Die Familie muss und soll möglichst zeitnah und vollzählig einschlafen. Also flimmern bei uns im Schlafzimmer (fast) jeden Abend eines jener Filmchen, die sich mit den Tarnkappen-Bombern der 3. Reiches oder den Mega-Maschinen des 21. Jahrundert befassen.
Kaum höre ich Tochter, Frau und Hund friedlich „atmen“ (hier Anführungszeichen, weil der Hund nicht nur atmet, sondern – wie sein Herr – schnarcht), dann warte ich noch ein paar Minuten, lösche das Licht durch ausschalten des Lichtspielmöbels und lege mich dann selbst nieder, um im Kreise der Liebsten eine geruhsame Nacht zu erwarten.

Was aus dieser geruhsamen Nacht wird, wenn Lea gegen halb drei nochmal Hunger bekommt, oder nach einer Stunde des Dämmers wieder hellwach ist, und wie es mir dann möglich ist, den nächsten Morgen nicht nur zu erleben, sondern auch zu gestalten, das soll im zweiten und dritten Akt dieses Stücks beschrieben werden. Aber nicht heute, denn meine Mädels liegen schon im Schlafzimmer ,der Hund gähnt und grade betritt Guido Knopp die bluescreen-generierte Kulisse von zdfInfo. Kurzum: Es wird Zeit zu Bett zu gehen, und das bis hierher geschriebene wiedereinmal zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Gute Nacht, der Mattes

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